Am Ende wird nicht nur alles gut – sondern noch besser. Mit „Die Meistersinger von Nürnberg“ ging es in den Endspurt bei den Bayreuther Festspielen. Eine fulminante Aufführung am 27. August 2019.
Wer hier noch etwas auszusetzen hat, ist selber schuld. Endlich ist mit Camilla Nylund auch eine Eva gefunden, die in diesem Spitzenensemble in der Regie von Barrie Kosky bestehen kann und sowohl eine „erwachsene“ Cosima als auch die Jugend der Eva in der Stimme hat. Die Meistersinger selbst – eine wahre Pracht. Musikalisch, darstellerisch und in den historischen Kostümen schön anzuschauen.
Endlich passende Eva
Zum Ende der dritten Saison sitzt tatsächlich alles perfekt. Auch wenn der Regisseur in diesem Jahr nur zu einem Kurzabstecher während der Saison in Bayreuth war, also in der Probenzeit keine großen Korrekturen mehr stattfanden, so haben die Regieassistenten Werner Sauer und Andreas Rosar offensichtlich ganze Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass selbst manche Profis noch Veränderungen gesehen haben wollen, die die Aufführung noch ein Stück mehr abrunden.
Der Funke sprang schon im ersten Jahr von einer bestens gelaunten Sängertruppe aufs Publikum über. Barrie Kosky inszeniert ein Meistersinger-Spiel, das die Wagners samt Anhang in der Villa Wahnfried aufführen (Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Klaus Bruns). Wagner, der Meister selbst, genügt sich nicht allein, er kommt als Kind, als Jugendlicher, als Jüngling Stolzing aus dem Klavier ins Wohnzimmer der Villa gestiegen. Schwiegerpapa Franz Liszt wird Veit Pogner, Cosima zu Eva, der geduldete Dirigent Hermann Levi wird zu Sixtus Beckmesser und von Anfang an gern gemobbtes Opfer. Eine heitere Show ist das, bis einem jegliches Lachen im Halse steckenbleibt, wenn Beckmesser erst brutal verdroschen und als übergroße Juden-Popanz aus dem „Stürmer“ gedemütigt wird.
Mehr als ein Meistersinger-Spiel
Die Geschichte spielt ab dem Ende des ersten Akts im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse. Richard Wagner/Hans Sachs hält am Ende im Zeugenstand seine Huldigung an die „Deutschen Meister“ in Richtung Publikum. Das soll das Urteil fällen. Dann heben sich die Saalwände und das Orchester samt Cosima kommen hereingefahren. Es dirigiert nun ein bestens gelaunter Richard Wagner, das Genie. Das Spiel ist aus. Und doch war es mehr als ein Spiel.
Der Jubel ist zurecht groß. Über die kleinen und großen Meister, Wiebke Lehmkuhl als Magdalene, Daniel Behle als David, Günther Groissböck als Veit Pogner, die großartige Camilla Nylund, Klaus Florian Vogt und seinen einzigartigen Walther von Stolzing, Michael Volle und dessen Bilderbuch-Sachs (Wagner), ebenso wie über Martin Gantner, der die Partie von Johannes Martin Kränzle als Sixtus Beckmesser übernahm. Kränzle musste krankheitsbedingt die letzten beiden Vorstellungen absagen.
Eingespieltes Team
Hier zeigt sich, was für ein eingespieltes Team die „Meistersinger“ sind. Gantner machte seine Sache ausgezeichnet, als Sänger, ebenso als Darsteller. Die gesehene Perfektion des Duos Kränzle/Volle bleibt freilich unerreicht. Dennoch großen Respekt für Gantner. Spannend wird es, wenn sich im nächsten Jahr erstmals nach drei Spielzeiten die Reihen der Meistersinger lichten und ein neuer Veit Pogner einsteigt. Günther Groissböck wird ja sein Debüt als „Wotan/Wanderer“ im Ring des Nibelungen geben.
Ausgezeichnet hat Philippe Jordan mittlerweile den verdeckten Graben des Festspielhauses erobert. Sein durchsichtiges Dirigat verweigert die große Wucht, die die „Meistersinger“ gerade im dritten Akt bekommen könnten. Statt einer großen Klangflut arbeitet Jordan fein einzelne Instrumentengruppen heraus, auch der Chor geht mit den „Heils“ ebenfalls eher piano um, sodass sich vor dem geistigen Auge keine Aufmärsche von Braunhemden auftun müssen. Eine schöne Lesart, unter der die Musik keinesfalls leidet.
Insgesamt ein weiterer Abend bei den Bayreuther Festspielen, an dem einem sowohl die Musik als auch die Regie etwas zu sagen haben.
Fotos: © Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele